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Liebe Gemeindemitglieder,

Hieronymus Bosch – Garten der Lüste, linker Flügel. (Museo del Prado, Madrid)

Wenn es einmal einen Grand Prix de la Eurovision mit den Hits der letzten 500 Jahren geben sollte, dann wird das Lied: „Geh aus mein Herz und suche Freud“ zweifellos unter den Top Ten zu finden sein. Bei diesem Choral stimmt einfach alles: der Text, die Melodie, der beschwingte Rhythmus. Das ganze Lied ist von einer lichten, sommerlichen Heiterkeit durchzogen, der man sich nur schwer entziehen kann. Man spürt den Wind geradezu durch die Blättern rauschen, hört die Vögel unbeschwert singen und die Bienen tun ganz selbstverständlich alles, um uns Menschen das Leben zu versüßen. Alles in der Natur scheint harmonisch aufeinander abgestimmt zu sein und man wird in das Staunen des Liederdichters Paul Gerhard geradezu mit hineingenommen bis man ihm schließlich beipflichtet: Ich selber kann und mag nicht ruh'n, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinne.
Natürlich wissen wir, dass es in der Natur und in der Welt keineswegs immer so harmonisch zugeht. Paul Gerhard wusste das natürlich auch. Er schreibt das Lied, da ist der 30-jährige Krieg, der ganze Landstriche verwüstet und entvölkert hatte, gerade erst vorüber. Wir dürfen also davon ausgehen, dass der Liederdichter eine sehr viel genauere Vorstellung von dem Elend der Welt hatte, als die meisten von uns.
Und doch kann er all die bitteren Erfahrungen, die er auch persönlich machen musste, einfach einmal beiseiteschieben und seiner ungetrübten Dankbarkeit und Lebensfreude Ausdruck verleihen. Und wenn Paul Gerhard das konnte, dann wollen wir uns heute, nach mehr als 70 Jahren Frieden in Mitteleuropa, ganz unbefangen von seinem Lebensgefühl anstecken lassen. Wollen uns auch ganz einfach an der schönen Gärten Zier erfreuen und in ihr einen Vorschein auf die paradiesischen Zustände sehen, die uns blühen sollen.
Es ist ja bemerkenswert, dass schon die Bibel den Garten zum Gleichnis nimmt, wenn der Mensch mit Gott und der Natur in Einklang lebt. Der Garten, nicht der Urwald, nicht die Steppe und auch nicht die Wüste, ist der Ort der harmonischen Gemeinschaft zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen. Der Garten eben, der ein Stück von Menschen gestalteter Natur ist. Kein Kraut und Rüben, kein Ödland und kein Dschungel, sondern der Ort, an dem der Mensch eine kreative Ordnung schafft und so zum Mitschöpfer Gottes wird. Seine vornehme Aufgabe ist es, diesen Garten zu bebauen und zu bewahren, damit er ein paradiesischer Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen wird. Und alle Geschöpfe auf ihre je eigene Art, den Schöpfer mit jeder Faser ihres Seins loben. Und dazu werden auch wir hoffentlich in diesem Sommer viele Gelegenheiten haben.
Herzlich

    René Lammer, Pastor