Beispielhaft

Liebe Leserin, lieber Leser,

Nachdem die alte Blockkonfrontation in Ost und West offenbar zur Geschichte gehört, kommt es nun zu neuen Polarisierungen. Bei Fragen der Zuwanderung, der Geschlechtergerechtigkeit, der Umweltzerstörung treten Gegensätze immer stärker hervor. So sehr, dass es manchmal kaum möglich ist, im Dialog nach der Wahrheit zu suchen, sondern die jeweils andere Position als geradezu indiskutabel abgelehnt wird. Eine durchaus problematische Entwicklung, die sich, wenn man den Blick nach Amerika wirft, auch bei uns eher noch verschärfen wird.

Da ist es gut festzustellen: Im Bereich der Kirchen zumindest ist eine gegenteilige Entwicklung zu erkennen. Wir Christen besinnen uns mehr und mehr auf Gemeinsamkeiten und wachsen wieder zusammen. So sehr, wie es vor hundert Jahren noch nicht einmal denkbar war. Es hat sich eine neue Offenheit unter uns entwickelt. Wir reden miteinander und wir lernen voneinander. Besonders hier in Südniedersachsen dürfen wir es auf eine ganz großartige Weise erfahren: Die lutherischen, katholischen, freikirchlichen und reformierten Christen arbeiten auf fruchtbare Weise zusammen. Sei es in Nörten beim Valentinsgottesdienst oder in Northeim zu Pfingsten und beim Klostermarkt oder zur Pogromnacht: Da ist Ökumene mit allen Sinnen zu erfahren und es ist immer wieder neu und bereichernd.

Ich bin mir sicher: Die ökumenische Bewegung ist unumkehrbar. So wie hier wird sie sich Schritt für Schritt an allen anderen Orten weiterentwickeln und vertiefen. Gott sei Dank!

Ich behaupte: Es hat geradezu ein ökumenisches Zeitalter begonnen. Das bedeutet: Wir lernen, uns gegenseitig als Geschwister im Glauben zu akzeptieren. Es bedeutet auch, wir sind bereit, unsere eigene Tradition zu prüfen und begangene Fehler einzusehen. Es bedeutet, Missverständnisse geduldig aus dem Weg zu räumen. Und es bedeutet vor allem: Immer wieder gemeinsam auf die Botschaft der Bibel zu hören, miteinander zu beten und gemeinsam im Dienst an der Welt zu arbeiten.

Aber Ökumene bedeutet nun für mich keineswegs, dass wir versuchen sollten, möglichst alle Unterschiede zwischen den Kirchen einzuebnen. Nach 15 Jahren in Lateinamerika und mehr als fünf Jahren in Griechenland fände ich es, um ein Beispiel zu nennen, nahezu absurd, die griechisch-orthodoxe Liturgie zu kopieren und in unsere Gottesdienste einzubauen.

Auf der anderen Seite würde ich allerdings auch nicht einmal ernsthaft wünschen, dass die Orthodoxen oder Katholiken sich nun zu reformierter Nüchternheit entwickeln. Ich hielte das für eine Verarmung der so überaus reichen christlichen Tradition. Das würde doch die bunte Vielfalt der Gnade Gottes in einen gräulichen Einheitsbrei verwandeln, der völlig ungenießbar wäre.

Im Gegenteil geht es vielmehr darum, die je eigene Tradition zum Blühen zu bringen und das jeweilige Profil zu schärfen. Das wird wohl auch immer wieder nur in Abgrenzung möglich sein. Aber diese Abgrenzung ist keineswegs bedauerlich, sondern durchaus hilfreich, solange denn klar ist: Wir leben aus der einen Gnade Gottes, sie bildet das Zentrum, aus dem wir unsere verschiedenen Gaben entwickeln.

Konkret heißt das für mich: Uns Protestanten fällt im ökumenischen Kaleidoskop wohl im besonderen Maße die Aufgabe zu, das Evangelium so zu sagen, dass es auch kirchlich ungeübten Menschen des 21. Jahrhunderts verständlich wird. Wir werden dabei weiter und noch mehr als bisher Offenheit für neue Formen und Ausdrucksweisen zu kultivieren haben. Unsere Aufgabe in der ökumenischen Arbeitsteilung liegt deshalb vielleicht weniger in der Bewahrung der Tradition, als vielmehr in der fortwährenden Neuentdeckung der alten und doch immer wieder aktuellen Botschaft des Neuen und Alten Testamentes.

Die Kirchen können so der Welt ein Beispiel geben, wie man in versöhnter Verschiedenheit und ohne Leugnung der Gegensätze miteinander leben und arbeiten kann. Sie können die verfeindeten Lager immer wieder miteinander ins Gespräch bringen. Damit um die Wahrheit gerungen werden kann. Damit Ausgrenzungen vermieden werden und der Gewalt der Nährboden entzogen wird. Damit wir es schließlich doch lernen, geschwisterlich miteinander zu leben, weil wir doch einen Gott und Vater haben.

Herzlich

René Lammer, Pastor