Lieber Leser, liebe Leserin!

Pieter Breughel d.Ä. hat das Bild gemalt, das Sie auf diesem Gemeindebrief sehen können, Er war, wie ich denke, einer der originellsten Künstler, der im 16. Jahrhundert in den Niederlanden lebte. Bei seinen Bilder gibt es meist eine Menge zu entdecken und sie erschließen sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick.  Man muss wissen, um sehen zu können.  
Unser Bild könnte zum Beispiel eine ganz und gar alltägliche Szene in einem namenlosen holländischen Dorf sein. Der Winter ist gekommen. Alles ist von einer weißen Schneedecke überzogen. Da fahren Kinder mit dem Schlitten über den zugefrorenen Bach, die Straße wird gefegt, ein Haus gebaut, Säcke geschleppt. Vorne links schlachten Bauersleute ein Schwein.
Wenn etwas vielleicht die Aufmerksamkeit des Betrachters erwecken kann, dann die Menschenansammlung vor dem Haus daneben: da wird unter königlichem Wappen Geld eingekassiert. Wir dürfen vermuten: Wie das Schwein nebenan geschlachtet wird, so wird hier den kleinen Leuten das Fell über die Ohren gezogen. Es ist der Kaiser, der einmal wieder zur Kasse bittet und Steuern eintreiben lässt. Um sein luxuriöses Leben zu finanzieren und die Söldner für den Krieg zu bezahlen. Der kleine Mann und die kleine Frau sind es, die dafür bluten müssen.
Wenn dann der Blick noch ein wenig weiter nach rechts wandert, sieht man einen entschlossen vorwärts schreitenden Mann, mit einer gewaltigen Säge über der Schulter. Zweifellos: Ein Zimmermann. Seine Hand weist nach vorne, er scheint sein Ziel gefunden zu haben. Hinter ihm eine Frau, in sich gekehrt in blauem Gewand, auf einem Esel reitend. Daneben ein Ochse. Zwei einfache, namenlose Menschen aus dem Volk, wie es scheint.
Und doch ahnen wir spätestens jetzt, warum Breughel das Bild „Volkszählung in Bethlehem“ genannt hat. Natürlich. Die beiden Menschen am unteren Rand des Bildes sind Maria und Josef und dass Maria hochschwanger ist, muss uns jetzt auch nicht mehr gesagt werden.  
So eingeweiht begreifen wir, was der Künstler ausdrücken möchte: Gott kommt ganz unscheinbar in unsere Welt. Direkt in unseren Alltag. Er ist da, mitten unter uns. Teilt unser Leben und ändert es doch von Grund auf. Aber es müssen uns die Augen geöffnet werden, um ihn zu sehen. Wem es nicht gesagt wird, der merkt es gar nicht. Der bleibt mit seinem Blick ganz an der Oberfläche hängen und ist blind für das Wunder, das mitten unter uns geschieht.  
Und weiter wird uns mitgeteilt: Das ist auch nicht nur eine Geschichte, die damals so oder ähnlich und weit weg von uns in einem fremden Land geschehen ist. Nein, sie geschieht heute wieder und zwar auch bei uns. Gott auch kommt nach Angerstein. Vielleicht auch ganz unerkannt und versteckt in einem kleinen Säugling. Aber er lässt nichts unversucht, um seinen geliebten Menschen nahe zu kommen. Um unsere Herzen zu finden und zu berühren. Und dann plötzlich siehst du die Welt in einem anderen Licht. Nichts erscheint dir mehr alltäglich. Du beginnst zu staunen und die Zeitenwende damals, beginnt nun auch bei dir. Wunderbar. Es kann wieder Weihnachten werden.
Herzlich

                                          René Lammer, Pastor